Seminarbeschreibung
Ein Modell ist eine absichtsvolle Reduktion. Es lässt weg, um zeigen zu können, und behauptet dabei immer etwas: dass diese Elemente wesentlich sind und jene nicht, dass hier eine Ursache wirkt und dort eine Wechselwirkung, dass etwas oben steht und etwas anderes darunter. Die Spannweite dessen, was dabei entsteht, ist groß – Diagramme, Metaphern, Notationen, Typologien, Schemata, Simulationen, Erzählungen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie einen komplexen Sachverhalt in eine Form bringen, über die sich sprechen, streiten und entscheiden lässt. Wer Modelle entwirft, entwirft Erkenntnismöglichkeiten.
»All models are wrong, but some are useful.«
George E. P. Box, Statistiker, 1976
Ein wichtiges Beispiel im Gestaltungsfeld sind die Mental Models: jene Funktionsmodelle, mit denen Menschen sich die Arbeits- und Funktionsweise bzw. Bedienung von Systemen herleiten. Solche Modelle sind fast immer entlehnt – erfahrungsbasiert, aus Bekanntem übertragen, evident, aber selten explizit. Gestaltung arbeitet unweigerlich mit ihnen, indem sie an Vertrautes anschließt. Weit schwieriger ist es, modellhaftes Denken bei Menschen überhaupt erst zu erzeugen: Vorstellunen zu etablieren, für die es noch keine Erfahrung und wenig Vorwissen gibt.
Modelle dienen somit der Abbildung und Beschreibung komplexer Systeme. Diese müssen entworfen und beschrieben werden, damit sie kommunizierbar, verhandelbar und überprüfbar werden. Im Umgang mit Informationen, Daten und Prozessen leisten Modelle genau das – sie machen aus einer unübersichtlichen Menge eine Struktur, mit der sich arbeiten lässt.
Dahinter steht ein Verständnis von Gestaltung, das über die Formgebung von Dingen hinausreicht: Designerinnen und Designer erschaffen »Werkzeuge des Denkens« und bereiten somit den Weg für neue Logiken, Kulturen, Verhalten, Politiken und Diskursen. Modelle sind dafür ein zentrales Instrument. Sie helfen, Konsens herauszuarbeiten, Positionen zu klären und Folgen abzuschätzen. Eben deshalb sind sie nie neutral: Wer das Modell setzt, setzt die Bedingungen der Debatte. Diese Verantwortung gehört zur Sache dazu und muss somit Gegenstand im Seminar sein.
Im Rahmen des Projektseminars studieren wir vorhandene Modelle unterschiedlicher Herkunft, prüfen sie auf ihre Leistung und ihre blinden Flecken und entwickeln anschließend eigene Modelle zu selbstgewählten Themen. Das Ziel ist ein doppeltes: ein praktisches Instrumentarium für Vermittlungsarbeit – und Werkzeuge, mit denen sich neue Gedankenwelten konstruieren lassen.
Lernziele
- Konzeptuelles Verständnis: Modelle als Erkenntnis-, Kommunikations- und Entwurfsmittel begreifen und die eigene, oft unbewusste Modellarbeit explizit machen.
- Analytische Fähigkeiten: Vorhandene Modelle lesen, zerlegen und beurteilen – was zeigen sie, was verbergen sie, wofür taugen sie nicht?
- Gestalterische Umsetzung: Eigene Modelle zu komplexen Sachverhalten entwerfen und sie visuell, sprachlich oder visuell-sprachlich nachvollziehbar machen.
- Vermittlungskompetenz: Modelle so aufbereiten, dass sie in konkreten Situationen Verständigung herstellen – gegenüber Fachfremden, Auftraggebern, Öffentlichkeiten.
- Kritische Reflexion: Die normative Dimension von Modellen erkennen und die eigene Position zu Auswahl, Auslassung und Wirkung begründen können.