»Situational Awareness«

Rekursion, Emergenz und Gestaltung
Prof. Oliver Wrede
wrede@fh-aachen.de
  • Bachelor Kommunikationsdesign, Master Design
  • Sommersemester 2026
  • 431810 | 431820 | 451810 | 481110 | 491110

Seminarbeschreibung

Wir erleben gerade, wie sich die Rahmenbedingungen unserer Arbeit unter unseren Füßen verändern – nicht schrittweise, sondern mit zunehmender Geschwindigkeit. Die Entwicklung Künstlicher Intelligenz folgt keiner linearen Kurve. Sie zeigt Merkmale rückgekoppelter Systeme: Feedback-Schleifen, Rekursion, Emergenz. KI-Systeme beginnen, sich selbst weiterzuentwickeln und den Rahmen zu verschieben, innerhalb dessen wir über Gestaltung nachdenken. Geschäftsmodelle verändern sich, Kompetenzen werden neu bewertet, die Grenze zwischen dem, was »von Menschen gemacht« ist und dem, was maschinell generiert wurde, wird durchlässig.

“We must shape technologies in accordance with human values and needs, instead of allowing technologies to shape humans.”
— Vienna Manifesto on Digital Humanism (Source)

Der Begriff »Situational Awareness« – entlehnt aus der Luft- und Raumfahrt – beschreibt die Fähigkeit, den Zustand einer komplexen Situation vollständig zu erfassen, ihre Dynamik zu verstehen und auf dieser Basis zu handeln. Die Anspielung auf Leopold Aschenbrenners gleichnamige Analyse der KI-Entwicklung (Situational Awareness – The Decade Ahead, 2024) ist bewusst gewählt: Aschenbrenner zeichnet ein Bild technologischer Beschleunigung, das für Designer ebenso bedeutsam ist wie für Ingenieure und Strategen – auch wenn er selbst die gestalterische Perspektive nicht thematisiert. Genau hier setzt dieses Seminar an.

Die zentrale Frage lautet: Wie können Designer in einer Welt rekursiver, sich selbst verändernder Systeme weiterhin wichtige und sinnvolle Beiträge leisten – und welche neuen Möglichkeiten entstehen dabei? Das Seminar verlangt eine »Arbeit am Horizont«: Projekte, die über das Naheliegende hinausgehen und eine erstrebenswerte Perspektive für Gestaltung sichtbar machen. Der Zugang ist dabei explizit gestalterisch: Während andere Disziplinen die Lage modellieren und beschreiben, geht es im Design darum, konkrete Möglichkeiten aufzudecken und Machbarkeit zu zeigen.

Die Teilnehmenden entwickeln eigene Projekte innerhalb des thematischen Rahmens. Arbeiten können ganz unterschiedliche Formen annehmen, zum Beispiel:

  • Interfaces, die Menschen helfen, das Verhalten rekursiver oder emergenter Systeme zu verstehen und mitzugestalten
  • Werkzeuge oder Prozesse, die eine sinnvolle Zusammenarbeit zwischen menschlicher Kreativität und generativer KI ermöglichen
  • Spekulative Entwürfe für Berufsbilder, Arbeitsweisen oder Geschäftsmodelle, die in einer KI-durchdrungenen Welt neu entstehen könnten
  • Visualisierungen oder interaktive Erfahrungen, die eskalierende Systemdynamiken – Feedback-Schleifen, exponentielle Verläufe – greifbar und verständlich machen
  • Konzepte für Produkte oder Dienstleistungen, die genuin menschliche Qualitäten – Urteilsvermögen, Verantwortung, Empathie, kulturelles Verständnis – in den Mittelpunkt stellen
  • Kritische oder experimentelle Arbeiten, die die Grenzen und blinden Flecken autonomer Systeme sichtbar machen

Lernziele

  • Systemisches Verständnis: Eskalierende Systemprozesse – Feedback-Schleifen, Rekursion, exponentielle Dynamiken – als gestaltungsrelevante Phänomene verstehen und in eigene Analysen und Konzepte integrieren.
  • Strategische Orientierung: Die Fähigkeit entwickeln, die eigene Disziplin und berufliche Perspektive im Kontext tiefgreifender technologischer Umbrüche zu verorten und zu behaupten.
  • Konzeptuelle Kompetenzen: Projektideen formulieren, die über naheliegende Lösungen hinausgehen und sich auf einem angemessenen Niveau mit den aufgeworfenen Fragen auseinandersetzen.
  • Gestalterische Zukunftskompetenz: Konkrete, erstrebenswerte Perspektiven für die Rolle von Design in einer Welt autonomer und sich selbst verbessernder Systeme entwickeln und durch eigene Arbeiten sichtbar machen.
  • Kritische Reflexion: Ein differenziertes Bewusstsein für das Spannungsfeld zwischen technologischer Eskalation und menschlicher Handlungsfähigkeit entwickeln – jenseits von Technik-Euphorie und Kulturpessimismus.
  • Kommunikative Kompetenz: Die eigene gestalterische Haltung zu den Fragen des Seminars artikulieren und überzeugend vertreten können.

Literatur